Die Geschwister Pfister

Coopzeitung Nr. 23, 4.06.2003


Christoph Marti geniesst die Momente, die er in der «heilen» Schweiz verbringt.


Ursli Pfister, Fräulein Schneider und Toni Pfister (v.l.)

Begegnung/Persönlich

"Wir trennen uns nicht"

Christoph Marti, bekannt als frecher Ursli der Geschwister Pfister über die "Abschiedsgala", die Heimat und den Sexappeal des Geissenpeters.

Coopzeitung: Mit dem Programm "Have a ball" verabschieden sich die Geschwister Pfister von der Bühne. Ein PR-Gag?
Christoph Marti ("Ursli Pfister"): Ein schreckliches Wort, so was machen wir doch nicht! Es ist ein Programmtitel. In einem früheren Programm erzählten wir dem Publikum, wir wären im Weltall gewesen. Das hat sie komischerweise weniger irritiert als die "Abschiedsgala". Keine Angst: Wir haben nicht vor, uns zu trennen!

Wie ist denn die Idee zu "Have a ball" entstanden?
Für eine Gala braucht es einen Grund. Der dramatischste Anlass wäre doch ein Abschied ... Seitdem schreiben uns Fans mit viel Herzblut und wenn wir das letzte Lied "Sag zum Abschied leise Servus" singen, sind wir immer selbst auch von dem Moment ergriffen.

Sie kommen sehr professionell daher, immer aber ist in Ihren Programmen auch eine gehörige Portion Ironie dabei - das Erfolgsgeheimnis der Geschwister Pfister?
Es ist schwierig, das selbst zu beurteilen. Aber wir studieren unsere Programme immer mit der grösstmöglichen Disziplin ein. Das wirkt dann auf der Bühne schliesslich so, als würde uns alles gerade erst in den Sinn kommen. So entsteht dieses Gefühl von Leichtigkeit und Spontanität, dabei ist dem harte Arbeit vorausgegangen. Ausserdem ist es ein Geschenk, dass wir uns immer noch so gut verstehen und uns gegenseitig inspirieren.

Ursli Pfister gibt sich stilvoll. Legen Sie auch privat Wert auf Stil?
Ich mag schöne Kleider. In "Have a ball" trage ich einen Frack: was für ein Gefühl! Wenn die Leute sich noch heu-te so kleiden würden wie wir in diesem Programm, könnten sie sich den Psychotherapeuten sparen. Man fühlt sich einfach besser! Da ich das auf der Bühne so ausschöpfen kann, ziehe ich mich privat aber vor allem bequem an.

Sie wollen mit Ihren Shows unterhalten und glücklich machen. Was macht Sie persönlich glücklich?
Ich liebe meine Arbeit und wenn wir einen gelungenen Auftritt hatten, bin ich glücklich. Ein Glücksmoment kann aber auch sein, wenn ich an der Limmat jogge und Gärten mit blühenden Blumen sehe. In diesem Moment geniesse ich es, zu leben.

Worin unterscheiden sich Ursli und Christoph am meisten?
Der Übergang ist fliessend, da Ursli ja aus mir entstanden ist. Aber er hat mir gezeigt, dass ich Bedürfnisse habe, die das pure Gegenteil sind von dem, was Ursli auf der Bühne abzieht. Er lotet Grenzen aus, ist frech und interessiert sich nicht für Gefühle. Ich selbst vertraue meinen Gefühlen. Ausserdem mag ich die Stille und bin viel ruhiger geworden als früher.

Sie gastierten vor kurzem mit dem Soloprogramm "Ursula West" in der Schweiz. Wer ist das?
Ein Countrygirl, das vom Leben gebeutelt wurde. Quasi als Therapie begann sie zu singen. Die Figur ist ein willkommenes Gegenstück zu Ursli Pfister. Ich komme vom Theater und wenn ich mich auf eine Rolle beschränken muss, ist das manchmal zu einseitig.

Wie kamen Sie auf die Idee, Ursula West zu kreieren?
Über die Musik von Dolly Parton, Loretta Lynn und anderen. Klassischer Country wird völlig unterbewertet. Und erst die Texte: Jedes dieser Lieder erzählt eine kleine Tragödie oder ein kleines Glück. Immer aber wird aus tiefs-tem Herzen gesungen. Mich hat es gereizt, aus diesen Songs die Biographie von Ursula West zusammenzustellen.

Was halten die Geschwister Pfister davon?
Wir hatten das einmal thematisiert und waren uns einig, dass wir keine Soloprogramme durchziehen. Jetzt hat sich Ursula West entwickelt und ich bin glücklich darüber. Es fiel mir schwer, Andrea und Tobi davon zu erzählen, aber die Angst hat sich als unbegründet herausgestellt.

Sie kommen aus Bern, wohnen aber seit 15 Jahren in Berlin. Warum gerade dort?
Mit dem Engagement am Schillertheater zog ich das grosse Los - nicht wegen des Theaters, sondern wegen der Stadt. Früher ging ich viel aus, wollte nichts verpassen. Jetzt bin ich ruhiger und geniesse die wunderschöne Wohnung, in der ich mit Tobi lebe.

Spielen Sie manchmal mit dem Gedanken, wieder in die Schweiz zu ziehen?
Nein, noch nicht. Ich lebe gerne in Berlin. Die Stadt ist ein idealer Ort für unsere Arbeit. Aber in der Schweiz ist die Lebensqualität bedeutend höher. Deshalb kommen Tobi und ich jedes Jahr nach Bern, um in der Aare zu schwimmen, Freunde zu besuchen und uns zu erholen. Für mich bedeutet die Schweiz Heimat, Wurzeln und Glück.

Wie sind Sie in Berlin als Schweizer aufgenommen worden?
Über die Sprache und andere Gepflogenheiten des Miteinanders in Berlin und am Theater habe ich gemerkt, wie wichtig mir meine Herkunft ist. Dass ich mir bewahren will, was ich bin. Man muss mit Klischees leben, aber das kann auch toll sein. Dazu kommt, dass in der Homoszene schwule Schweizer von einigen mit Geissenpeter assoziiert werden, dieses erotische Klischee mögen gewisse Leute ...

Sie könnten jetzt wieder einmal Dialekt reden, sprechen aber Hochdeutsch.
Eine Gefühlssache, ich merke das oft nicht. Mit Tobi rede ich seit 20 Jahren hochdeutsch, das hat sich verselbständigt. Es kommt vor, dass ich beim Besuch meiner Eltern am Anfang auch nicht Dialekt rede. Vielleicht komisch, aber es hat keine tiefere Bedeutung.

Haben Sie manchmal Heimweh?
Das ist ähnlich wie mit dem Glück, es sind kurze Momente. Wenn ich mit meinen Eltern am Samstagabend telefoniere und sie erzählen, wie sie gerade am Tisch sitzen und essen, wird mir bewusst, dass ich gerade wieder eimmal im Flugzeug sitze oder in einer Theatergarderobe bin. Dann fühle ich mich entwurzelt und bekomme Sehnsucht nach früher. Aber ich kann ja jederzeit kurz heimkommen.

Sie haben 2001 Tobias Bonn alias Toni Pfister in Deutschland geheiratet. Das wäre hier so noch nicht möglich.
Ich bin sicher, das ändert sich. Für uns war die Heirat wichtig. Als Teenager hätte ich nie gedacht, dass ich einmal einen Mann heiraten werde! Der Moment, wo sich unsere Eltern an der Hochzeit getroffen haben, ist unver-gesslich.

Haben Sie private Pläne?
Wir reisen gerne, aber die nächsten Ferien möchte ich mich wieder einmal ausführlich um unsere drei Katzen und die vielen Pflanzen kümmern und unsere schöne Wohnung geniessen. Ob das Pläne sind, weiss ich nicht, aber ich freu mich darauf.

Steckbrief
Geburtstag: 24. Juli 1965
Zivilstand: seit 13. August 2001 verheiratet mit Tobias Bonn alias Toni Pfister
Wohnort: Berlin
Hobbys: Pflanzen, Katzen, Kochen und Backen, Kino und Bücher
Aktuell: Geschwister Pfister on Tour:
Zürich: 6.-15. Juni, Corso Theater; Bern: 17./18. Juni, Theater National; Basel: 20.-22. Juni, Scala Theater; Tickets: TicTec-Hotline 0900 552 225



Stand: 29.12.2003
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