Die Welt - Montag 17.06.2002:
Am fadesten sind immer die Therapeuten
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"Therapie zwecklos" in der Bar jeder Vernunft: Meret Becker und die Geschwister Pfister lachen nur
Von Kai Luehrs-Kaiser Die Kunst kommt immer nach dem zweiten Gang. Als man sich schon eine gute Stunde lang eingeplaudert hat, nach "Amuse gueule de la saison" und "Salade doucette sur flétan grillé", was immer das sein mag, befindet man sich gerade in der Zielgeraden auf das Hauptgericht: Da erst geht's richtig los! Ein wenig spät, würde man denken. Aber mit "Therapie zwecklos" werden in der Berliner "Bar jeder Vernunft" schließlich auch zehn Jahre dauerhafter guter Laune begangen. Zum Jubiläum des Hauses gönnt man sich erstmals wieder ein kostspieliges Bühnenspektakel. Als "Komödie mit Menü". Die Filetspitzen des Abends: Meret Becker als Schreckschuss-Erotikerin und die Geschwister Pfister, in schauspielerische Einzelteile tranchiert. Mit ihnen wird die 70er-Jahre-Psycho-Schmonzette "Therapie zwecklos" des amerikanischen Dramatikers Christopher Durang als luxuriöses Vier-Gang-Menü serviert: Ein Genuss von hauchzarter dramatischer Konsistenz. Psychiater, die ihre Patienten anbaggern, Persönlichkeitserweiterungen unterm Ethno-Poncho, hässliche Westen und vorschnelle Ejakulationen ("Es dauert nur einen Augenblick"): Von solchen Menschheitsproblemen erfährt man an diesem Abend eine Welt von Dingen. Die Story über die Journalistin Prudence (Meret Becker), die gleich zwei Mal auf die Kontaktanzeige desselben Bisexuellen hereinfällt, ist eine Romanze für Stadtneurotiker. Im weiß gerüschten Hängerchen flötet das Meretlein so viel Unschuld in die Neurose hinein wie nur möglich. Viel Zeit wird danach beim Psychiater zugebracht. Bis diesem am Ende der Sitzung zwangsläufig einfällt, das er die ganze Zeit über den Patienten mit einem anderen verwechselt hat. Sanft erotisierend werden Mini-Perversionen und sexuelle Abwegigkeiten aneinander gerieben. Der New Yorker Anwalt Bruce Bruce (Toni Pfister alias Tobias Bonn) lutscht die Zehen von Meret Becker schon sehr virtuos. Zizi (als geblümte Voodoopriesterin: Ursli Pfister) beobachtet den heterosexuellen Rückfall ihres Schwiegersohnes mit Sorge: In einer Nebenrolle steigert sich der - auch als Regisseur verantwortliche - Christoph Marti zu einer Gloria Swanson der französischsprachigen Schweiz. Daneben ist der Berliner Trash-Travestie-Star Ades Zabel in seiner ersten Männerrolle zu sehen: Ein Ereignis! Die fadesten Personen sind immer die Therapeuten: Stefan Kurt (eben noch Fernseh-Semmerling) gibt als pseudoitalienischer Neurosenarzt ein Lehrstück des schauspielerischen Overactings, während Andreja ("Frl.") Schneider - der dritte Pfister-Star - mit Understatement und langsamst gepflückten Pointen das Publikum flachlegt. Zum Lachen natürlich! Leider wird kaum gesungen. Aber mit Johannes Roloff sitzt, zwischen Scarlatti und Boulez changierend, ein Luxus-Bar-Pianist und Ex-Shirley-Bassey-Begleiter im Dunkeln. Wie auch immer die dramatischen Konflikte des Stückes beseitigt worden sein mögen (wer hat's kapiert?): Zur "Crème brûlée" jedenfalls ist man im selben Nobel-Restaurant "Les Bouchons" wieder vereint, in dem die Sache begann - und wo die Zuschauer gerade essen. Es handelt sich um die Berliner Bar jeder Vernunft. Erlebnisgastronomie an der Komödien-Leine. Künstlerisch wegweisend will der Abend vielleicht nicht sein: Aber er bleibt ein rares Ereignis des Komödien-Understatements. |
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