Die Geschwister Pfister - Therapie zwecklos

Der Tagesspiegel online - 2.05.2002: So albern muss die Liebe sein

Die Komödie "Therapie zwecklos" mit den Geschwistern Pfister in der Berliner Bar jeder Vernunft

Thomas Lackmann

Am Schluss steht das verliebte Paar in der gläsernen Drehtür einander gegenüber. Die Drehtür ist das Zentrum der Bühne. Eigentlich ist ja die Bühne selber die Drehtür des Schicksals. Eine Drehbühne, die zeigt, dass alles sich dreht. Links und rechts führen Türen in Appartments oder Praxisräume. Wenn die Bühne sich dreht, kommen die Zimmer jeweils herausgefahren. Sie drehen sich um ihre Achse. Die Achse ist ein Aufzugschacht - oder die Drehtür eines Restaurants, je nachdem. Denn am Anfang, zwischendurch und am Ende trifft sich das verliebte Paar immer wieder zum Essen. Er lutscht an ihrem Zeh, sie stirbt vor Hunger. Später schauen beide gurrend durch die Scheiben der Drehtür. Ohne einander berühren zu können. Und trällern einen alten Schlager, der ihnen zuvor immer wieder durch den Sinn gespukt ist. "Someone to watch over me": Irgendwo gibt es einen, der den Schlüssel zu meinem Herzen hat und der auf mich aufpassen wird. "Ein albernes Lied," sagt er. "Ja, sehr albern," sagt sie. Dann dreht die Drehtür sich weiter.

Ja, das Stück ist albern, zum Glück. Und altmodisch: ein Dokument aus jenen New Yorker 70er Jahren, als es hip wurde, einen Analytiker zu haben. Hier bedrängen pubertierende Therapeuten die eigenen Patienten, während der bisexuelle Bruce und die misstrauische Prudence, das feinnervige Blind-Date-Paar, von dem eifersüchtigen, mit Platzpatronen ballernden Bob samt Megären-Mutti verfolgt werden - und sich alle im Gourmet-Lokal zum Gruppen-Showdown einfinden. 1987 ist Christopher Durangs Komödie durch Robert Altman angemessen überdreht verfilmt worden. Die Geschwister Pfister, Berlins sentimental-ironisches Schlager-Trio erster Güte, planen seit drei Jahren "Therapie zwecklos" in der Bar jeder Vernunft zu inszenieren; erst jetzt fanden sich genug Sponsoren. Für Christoph Marti, Tobias Bonn und Andreja Schneider bedeutet diese Produktion - nach dem legendären "Weißen Rössl" (1994) und "The Voice of Snowhite" (1999) - ein weiterer Ausbruch aus aus dem geschlossenen Kunstfiguren-System ihrer Entertainment-Familie. So wird die Klamotte von den überkandidelten Pseudo-Problemen einer selbstverliebten Inzucht-Szene auch zur Selbstparodie. Und zur Persiflage auf (West-)Berlins verschwurbelte Adabei-Society, wie sie sich an den Tischen des zum Dinner Theatre gestalteten, ganzflächig bespielten Spiegelzeltes vergnügt eingefunden hat. Der Nächste, bitte: das Leben als therapeutischer Fresstempel.

Wie tiefsinnig muss eine Komödie sein? Ganz haben die Regisseure Christoph Marti und Johannes Steinbrückner dem Tür-auf-Tür-zu-Räderwerk der klassischen Sitcom nicht getraut, sonst hätten sie gnadenloser aufs Tempo gedrückt. Johannes Roloffs poetisch-cooles Piano, seine pathetischen Einspielungen aus allen Regalen der E-Musik öffnen die Story auf ein funkelndes Spektrum ironisch ausgebremster Gefühle. Stefan Kurt gibt den sexistischen Therapeuten mit falschem Italo-Slang: eine hemmungslos chargierende Kasperle-Figur. Andreja Schneider als seine total vergessliche Kollegin liefert das groteske Krankheitsbild einer introvertierten Möchtegern-Domina. Ades Zabel, Star der legendären Neuköllner "Teufelsberger", schmollt als dicklippiger Proll-Lover vom Dienst. Tobias Bonn gestaltet seinen Herzensbrecher Bruce mit ambitionierter gespannter Sensibilität. Meret Beckers Neuröschen Prudence schwebt,leider viel zu oft kieksend, zwischen Hoffen und Bangen. Ein ziemlich heterogenes Ensemble - das geht nicht immer auf. Und keine Songs! Es muss also gespielt werden. Gleichwohl gerät der Abend zum großen Amüsement.

Wie tiefsinnig darf eine Komödie sein? Wenn Bobs Opfer, scheinbar tödlich getroffen, zusammenbrechen, wenn die Grenzverletzungen der therapeutischen Autoritäten eskalieren, braucht der Zuschauer einen Moment, um Assoziationen wegzuwischen: an die Missbrauchs-Skandale und Bluttaten der jüngsten Zeit. Dass auch diese Komödie einen schwarzen Untergrund hat, drückt am drastischsten Christoph Marti alias Ursli Pfister aus in der Rolle Zizis, der Mutter Bobs: als machtbesessene Monstermama, drapiert mit den üppigsten Medea-Kostümen der haute couture. Ganz nebenbei ist "Therapie zwecklos" eben auch eine verwitzelte Götterdämmerungs-Farce, Dr. Caligari lässt grüßen: Alle haben uns verraten, jetzt suchen Verliebte den Halt in der romantischen Idee von dazumal. "Someone to watch over me": der Idealpartner als Beschützer und Psychiaterersatz. "Im a little lamb who's lost in the wood. I know I could always be good ..." So albern kann die Liebe, ach, das Leben sein.

Bis 2. Juni, Mi bis So, 20 Uhr 30.


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