Berliner Zeitung, 20. Mai 2011

Alles so schön falsch
Die Pfisters geben kein Pardon für Kitsch und Quatsch

 

Von Irene Bazinger

Fangen wir einfach mit Kurt Tucholsky an, der einst feststellte: "Alles am Schlager ist echt, weil es so wunderschön falsch ist." Das führt uns natürlich direkt in die Bar jeder Vernunft, wo Ursli und Toni Pfister nun ihr neues Programm "Servus Peter - Oh là là Mireille" herausgebracht haben. Es besteht aus Schlagern, Volksliedern, Wienerliedern und ein paar Operetten-Hits aus Ralph Benatzkys "Im weißen Rößl".

Aber was heißt das schon! Denn in Wirklichkeit besteht es aus Träumen und Tinnef, Herz und Schmerz, Kitsch und Quatsch - inhaltlich aus lauter grobem Unfug also, wenn man's recht bedenkt, und melodisch einfältig bis höchstens eingängig. Trotzdem entwickelt sich daraus ein weites, buntes Spektrum an positiven Energien, die Kategorien wie Sinn und Unsinn beschwingt außer Kraft setzen, weshalb man nur milde lächelt und leise mitsummt, selbst wenn da einer dämlich vor sich hinträllert: "Komm mit und steck' dir deine Sorgen an den Hut, / dann wirst du sehen bald ist alles wieder gut, / wir lassen uns're Gläser klingen, lachen, tanzen, singen / und das gibt dir wieder neuen Mut!"

Im Stil einer klassischen Peter-Alexander-Fernsehshow aus den 1970er-Jahren in der Wiener Stadthalle vermeiden Christoph Marti und Tobias Bonn als Ursli und Toni Pfister keine Schnulze, die sie vor der mit Flaschen, Gläsern, Ansichtskarten retromäßig dekorierten braunen Schrankwand mit Theke und Barhockern zum Besten geben. Toni spielt den Wiener und hat ihn in Gedanken, Worten und Gesten genau studiert, bloß der Akzent klingt mehr nach Franz Beckenbauer als nach Peter Alexander. Dessen tänzerisch swingende Lässigkeit kriegt er zwar nicht ganz hin, hingegen oft den schmelzenden Stimmglanz samt der schönen, schrägen Kickser.

Als Anneliese Rothenberger hat Toni einen großen Auftritt in Altrosa und reüssiert auch im Falsett-Fach. Obwohl er alles solide macht, die Gäste humorig begrüßt und ungeniert kleine, nicht unpeinliche Kalauer in die Mini-Conférencen einstreut, wirkt er meist eher wie Peter Alexander in der Rolle eines Buchhalters - immer noch lustig, aber ein bisschen sehr schlicht gestrickt. Ursli hingegen schlüpft nicht nur in den Habitus und unter die Perücke von Mireille Mathieu, sondern er scheint die Lieder wie ein Wahlverwandter geradezu aus sich heraus zu erschaffen.

Er ist auch ein hinreißend schmalziges Double von Heintje oder Roy Black, doch als Spatz von Avignon mischt er auf bizarr - amüsante Weise Trash und Tragödie und kennt mit seinem tolldreisten französischen Akzent kein Pardon. Bei ihm gewinnt die Show eine eigenständige Qualität in Sachen Imitation und Intensität, während sie ansonsten allein auf Wiedererkennungseffekte setzt, was sich bei aller Komik irgendwann verbraucht. Befremdlich ist allerdings, dass sich die Arrangements von Johannes Roloff, der den Abend mit seinem Trio begleitet, häufig auf dröhnende Marschrhythmen stützen, ob bei "Der Papa wird's schon richten" oder selbst bei Benatzkys Operettenhit "Im Salzkammergut". Aber trotzdem ist die Aufführung kurzweilig und fidel gelungen, was nun wahrlich nicht gegen den Schlager spricht.