Der betagte Schimmel schien längst schon ausgemustert. Nach rauschenden Anfangserfolgen in aller Welt und späteren Einsätzen beim Film mampfte er, klapprig und abgezehrt, sein Gnadenbrot in deutschen Stadttheatern.
Doch wie ein flügellahmer Pegasus aus der Asche steigt das alte Schlachtroß, 64 Jahre nach seiner Geburt, nun zu neuem Ruhm empor und erweist sich überraschend als geländegängiges Vollblut: Ralph Benatzkys beinahe zu Tode gerittenes Singspiel "Im weißen Rößl" erlebt in Berlin, dem Ort seiner glanzvollen Uraufführung, jetzt ein triumphales Comeback.
Wagemutig und, wie sie selber meinen, mit einer großen Portion "Wahnsinn", haben sich ein paar vergnügungssüchtige Staatsschauspieler mit führenden Kräften der Berliner Kleinkunst-Szene zusammengetan, um bis zum Jahresende allabendlich das totgesagte Phantom der Operette wiederzubeleben - zur Freude des zahlenden Publikums.
Reanimiert wird in der "Bar jeder Vernunft", einem heimeligen holländischen Spiegelzelt von 1910, das auf dem Parkdeck der ehemaligen Freien Volksbühne in der Schaperstraße aufgeschlagen wurde - seit zwei Jahren Heimstatt niveauvoller Unterhaltung jedweder Couleur.
Hier treten die Großen des kleinen Genres auf: die androgyne Diseuse Georgette Dee ebenso wie der filigrane Sanges-Jüngling Tim Fischer. Der hohen Literatur wird ab und an durch Lesungen prominenter Schauspieler gehuldigt.
Unter den Zeltplanen trafen sich denn auch eines Nachts die Herren von der subventionierten Kunst mit den Musik-Komödianten der Schweizer Truppe "Geschwister Pfister". Man fand Gefallen aneinander und verabredete - in alkoholisiertem Überschwang und bar jeder Vernunft - gleich das hippologische Großprojekt.
So schnoddert sich nun im Spiegelzelt Schaubühnen-Star Gerd Wameling als ewig nölender Trikotagenfabrikant Giesecke durchs Salzkammergut und die verzweigte Handlung; er preist seine revolutionäre Erfindung - "die Hemdhose Apollo, vorne zu knöpfen" - und sehnt sich lauthals nach grünen Aalen und dem heimischen Müggelsee.
Der sonst so seriöse Walter Schmidinger serviert, als Majestät Franz Joseph II. stets gütig lächelnd, süßen komödiantischen Kaiser-Schmarrn und entwirrt am Ende souverän die verwikkelten Liebesbande, ohne die eine Operette noch immer jede Daseinsberechtigung verliert.
Otto Sander gibt, hinreißend zurückgenommen, den durchreisenden, trotteligen Professor Hinzelmann. Als dessen Tochter Klärchen himmelt Meret Becker, Shooting-Star des neuen deutschen Chansons, herrlich lispelnd ihren schönen Sigismund (Ursli Pfister) an, der auch 1994 immer noch nichts dafür kann, daß er so schön ist.
Auf dem Fahrrad dreht in karierten Knickerbockern derweil der gefeierte Couplet-Nostalgiker Max Raabe seine Runden durchs Zelt und schmalzt immergrün: "Die ganze Welt ist himmelblau, wenn ich in deine Augen schau."
Die geschäftstüchtige Rößl-Wirtin ist bei der miederfüllenden Entertainment-Entdeckung Andreja Schneider bestens aufgehoben. Glaubwürdig darf ihr liebeskranker Zahlkellner Leopold (Toni Pfister) sülzen: "Es muß was Wunderbares sein, von dir geliebt zu werden."
Jeder Part dieser Produktion ist blendend besetzt, das Ensemble glänzt in der bunten Bauerntheater-Kulisse als Versammlung uneitler Protagonisten.
Das kurzweilige Gipfeltreffen von U und E in der österreichischen Bergwelt glückt wohl auch deshalb so reibungslos, weil alle Beteiligten den höheren Blödsinn der Vorlage verdammt ernst nehmen. Die Vorurteile, mit denen das alte Singspiel hemmungslos hantiert, werden mit präziser Ironie ausgespielt: arrogante preußische Piefkes gegen schlawinernde Österreicher, Liebe als soziales Trampolin und Glück als manchmal doch einlösbare Utopie. Frei nach der alten Komiker-Regel: Ist es auch Wahnwitz, so muß es doch Methode haben.
Der bergfeste eidgenössische Regisseur Ursli Pfister, in der Endphase der Proben von Walter Schmidinger diskret unterstützt, stellt jede Figur detailgenau heraus. Ihm gelingt mit leichter Hand das schwerste: trotz Kitsch und Klischees Charaktere zu schaffen.
Da wird aus der oft schamlos flach gespielten Witzfigur Giesecke (Modell: Hoppla, jetzt komm' ich) plötzlich ein erbarmenswerter Melancholiker, der seine bodenlose Traurigkeit hinter Grobheit versteckt; und Professor Hinzelmann mutiert hier von der Knallcharge unversehens zum tragischen Alltagshelden. Das "Weiße Rößl" als Trojanisches Pferd.
Von der verlogenen Operetten-Seligkeit des deutschen Nachkriegsfilms, in dem Peter Alexander als Kellner Leopold kraftvoll auf die Tränendrüse drükken durfte, ist das alles weit entfernt. In diesem Berliner Salzkammergut, da kann man gut lustig sein, weil aber auch niemand versucht, die "Rößl"-Welt für wahr zu verkaufen. Deshalb wirkt die Lüge so erfrischend überzeugend.
Finanziert wird das aufwendige, garantiert subventionsfreie Projekt (Gesamtkosten: rund 1,2 Millionen Mark) durch die honorige Bescheidenheit der Mitwirkenden bei ihren Gagenforderungen und durch eigens aufgelegte Aktien zum Nennwert von 500 Mark.
Rund 300 Papiere sind schon abgesetzt, aber selbst bei voller Auslastung aller bis Silvester terminierten 65 Vorstellungen klafft immer noch eine beängstigende Finanzierungslücke von rund 350 000 Mark. Eine CD und ein "Rößl"-Film sollen das Defizit auffüllen.
Ende letzter Woche versammelten sich nun die Kleinaktionäre zu zwei überfüllten Voraufführungen im Spiegelzelt, die jargongerecht als Hauptversammlungen annonciert waren.
Bei Grünem Veltliner, Austro-Schnitzeln und Geselchtem entlasteten die Coupon-Schneider erwartungsgemäß ihren Kunst-Vorstand. Der zur Aufführung gebrachte Rechenschaftsbericht wurde einhellig akzeptiert, und ein lautstark geforderter, nochmaliger Vortrag konnte nur durch das beherzte Eingreifen Seiner Majestät Franz Joseph verhindert werden.
Mit imperialer Noblesse wandte er sich ans Aktionärs-Volk, hieß es sich erheben und die alte Hymne "Oh, Du mein Österreich" anstimmen.
Nie schnulzten die Schrammeln des kleinen Orchesters schöner.
Joachim Kronsbein
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