Die Geschwister Pfister - Party Heut' Nacht

Berliner Zeitung, 20.03.1998

Rückkehr in die alte Heimat

Von Carmen Böker

Aus diesem Stoff sind die Momente, von denen Künstler träumen: Die Zuschauer fiebern in liebevoller Aufregung dem Auftrittsbeginn entgegen, sie ertragen dabei gern drangvolle Enge und den vor Schweiß dampfenden Nachbarn, der irgendwann mit Gewißheit sein Jackett ablegen wird.

Schon in den ersten Minuten des Programms ist die nahezu bedenkliche Beobachtung zu machen, daß alle Anwesenden konditioniert sind wie ein einziger großer Pawlowscher Hund denn ihre Reflexe sind identisch: Ein kollektives Genußseufzen bei den ersten Takten jedes Liedes, dann wonnevolles, gern auch falsches Mitsingen. Und nach Beendigung der letzten Strophe Jubel und Applaus, der wie eine riesige Woge durch das Spiegelzelt schwappt. Wer da nicht mitmacht, ist verloren im gnadenlosen Frohsinn, auf den die drei auf der Bühne ihr Publikum dressiert haben.

Die hysterisch heiteren Reaktionen auf die Rückkehr der Geschwister Pfister in die Bar jeder Vernunft könnten den Außenstehenden leicht an Schauerlichkeiten wie den "Musikantenstadl" erinnern, wo Zuschauer, despektierlich auch "Klatschvieh" genannt, willenlos jeder Regieanweisung Folge leisten. Daß das zweite Lied des Abends ausgerechnet Maria und Margot Hellwigs Schlachtruf "Servus, Grüezi & Hallo" ist, wird ihn nur noch mißtrauischer machen. Und dann weiß er noch nicht mal, daß die Geschwister neulich tatsächlich bei Karl Moik aufgetreten sind. Allein er wird sich nicht mehr lange bremsen können mit solchen Gedanken. Denn es ist nicht Massenhypnose, sondern einhellige Begeisterung ob besonderer Talente, die hier für Stimmung sorgt.

"Party heut Nacht" ist ein Best-Of-Programm, wie immer sehr gut begleitet vom wie immer zu sehr im Hintergrund stehenden Jo Roloff Trio, entstanden nach sieben Jahren Zusammenarbeit, und es ist hinreißend. Für den, der Versatzstücke aus den früheren Produktionen ("Melodien fürs Gemüt", "A Pure Joy", "March For Glory", "The Great Space Swindle" sowie die Operetten-Neuinszenierung "Im weißen Rößl") wiedererkennt. Aber auch für den, der zum ersten Mal die Geschwister Pfister dabei erlebt, wie sie Unterhaltungsmusik von Las Vegas bis Zermatt mit haifischähnlicher Boshaftigkeit parodieren, aber eher noch mit viel Gefühl fürs falsche Gefühl interpretieren. Und wer vorher noch nie gehört hat, mit welch glamouröser Amazonas-Geräuschkulisse Fräulein Schneider und ihr Angetrauter Toni den Weg für Urslis Interpretation von "Blue Bayou" bereiten, mit was für beredter Naivität die drei nach dem Kreisenlassen eines Joints "Kleine grüne Äpfel" säuseln der wird ohnehin staunen wie Heidi, wenn sie in die große Stadt kommt.

Bis auf einen angemessen selbstherrlichen Auftakt mit Hubschrauberknattern (die drei haben sich bei einem Botschaftsempfang verplaudert und müssen nun eilig eingeflogen werden ) schränkt "Das Beste der Geschwister Pfister" (so der Untertitel) die früher üblichen Plaudereien aus dem Privatleben zugunsten der Musik ein.

Eine kluge Konsequenz aus dem vorhergehenden "Great Space Swindle": Der litt unter den Längen einer mühsam zu erläuternden Weltraummission, wo das Publikum doch viel lieber noch ein Lied hören wollte. Denn darin sind die drei mit ihren perfekt harmonierenden Stimmen so gut: daß sie das Leichte eben doch ganz schön schwer nehmen daß sie kitschige Schlager wie Beatles-Stücke, einen Swing-Titel wie einen Schuhplattler mit energischer Ernsthaftigkeit studieren und dann mit der Detailversessenheit und Dramatik alter Musikfilme inszenieren.

Daß ihnen manchmal auch der deutsche Nachkriegsfilm in die Choreographie gerät, macht erst den herrlichen Irrsinn dieser Mixtur aus: Peter Alexander meets Fred Astaire, Fräulein Schneider erinnert mit ihrem bulgarischen Timbre ohnehin an Marika Rökk, zur Abrundung präsentiert sich Ursli mit weißem Anzug, Pelzmantel und einem Ring an jedem Finger im Liberace-Look. Dazu paßt, als Neueinstudierung, ein düsteres Kapitel der deutschen Grand-Prix-Vergangenheit "Wir geben ne Party", ein Ralph- Siegel-Produkt.

Was soll man noch sagen: Das Zelt hat getobt.

Bis 13. April in der Bar jeder Vernunft, Wiederaufnahme am 16. August.



Stand: 26.12.2003
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