Nürnberger Nachrichten 12.07.99

Sternstunde des Musik-Kabaretts
"Geschwister Pfister" in Nürnberg


Sie sind abgefeimt, zynisch, fies. Keine einzige heimliche Hätschel-Ikone der Pop- und Rockmusik behält den Lack. Denn - was heißt schon "intakt" und wieviel Authentizität steckt im kommerzialisierten Unterhaltungszirkus? Keine - zumindest in der gnadenlosen Persiflage der "Geschwister Pfister", die mit ihrem bodenlos perfekt durchgestylten Musikkabarett bei ihrem frenetisch gefeierten Auftritt in der Nürnberger Tafelhalle das sonst eher disziplinierte Publikum zu ganz unfränkischen Mitklatsch-Momenten hinrissen.

Mit dem Begeisterungssturm für das mit acht Jahren prämiierter Bühnenerfahrung schon fast lässig erstellte "Best of Show"-Programm bewegt man sich ohnehin auf der sicheren Seite des gehobenen Geschmacks. Was die drastische Karikatur dieser "Geschwister" übersteht, bleibt in seiner nackten Überzeugungskraft wohl für die Ewigkeit. Etwa "She's Leaving Home", dessen Pathos McCartney'scher Prägung getrost mimisch pulversisiert werden kann.

Andere Genres leiden unter Auflösungserscheinungen, wenn die sarkastische Abbeizbrühe darübergegossen wird. Schon immer habe ich mich hier zu Hause gefühlt - damit ist der ungeniert floskelnde Schlager schon bedient. Der Musikantenstadl wird mit perversen Konnotationen erledigt, sardonische Duba-Dub-Kopien geben dem Swing den Rest, und die fragileren Romantiker wie Roy Orbison neigen ohnehin zur Kitsch-Fraktur.

Was-musikalisch jetzt noch weiterzuckt, wird choreografisch skelettiert. Selbstverständlich nicht ohne Trokkeneis-Schwaden; und Disko-Light-Show, denn hier waltet die Detailverliebtheit besessener Fälscher. Und wie einst in den 20er Jahren wachsen deren kunstvolle Blüten im aktuellen Sozialgefälle umso schillernder - Styling und Faking auf höchstem Niveau.

So zeigt das Setting anhand der Pfister-Waisenkinder-Saga mit der Legende des von der Schweiz nach Las Vegas versprengten Trios einen einzigen dekadenten Exzeß. Aus Liebesbeziehungen werden Machtverhältnisse, aus dem homöopathischen Schwips ein Parkinson, aus dem charmanten Nobel-Homo eine derbe Tunte. Und wenn die ganze, weite "Glitzi-Glitzi-Fuschi-Fuschi"-Welt in Trümmern liegt, ist mit dem tobenden Applaus für "Party heut' nacht" eine seltene Sternstunde des Musikkabaretts besiegelt.
ANJA BARCKHAUSEN



Stand: 17.06.2007
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