ZÜRCHER KULTUR - Tages-Anzeiger - Mittwoch, 1. Juli 1998

Schmalz, Tanz, Firlefanz



Die Geschwister Pfister vor dem Dreistundenstress. Bild PD
Wie kommt man zum (Festival-) Höhepunkt?
Garantiert mit der "Best of"-Show der Geschwister Pfister am Sommerfestival im Corso.

Von Simone Meier
Wo anfangen? Bei der Technik, die immer virtuoser wird? Beim Publikum, das einmal mehr hin und weg war- am Ende des dreistündigen Programms fast so hin wie die drei auf der Bühne im Corso-Saal? Bei Michael von der Heide, dem es in der Pause gelang, ein signiertes Schweisstuch von Fräulein Schneider zu erhaschen? Wie einfach wäre ein Anfang, wenn die Geschwister Pfister nicht so viel auf einmal wären! Eigentlich sind sie ein Märchen. Sie haben sich die Geschichte angedichtet von den putzigen Zermatter Waisenkindern, die beim reichen Onkel Bill in Las Vegas berühmte Kinderstars wurden, wieder in Europa die Krapfenbäckerin Fräulein Schneider (Andreja Schneider) aufgriffen, die im Kofferraum von Bulgarien nach Berlin geflüchtet war. Vor drei Jahren hat sie den aufrechten Pfister-Bruder Toni (Tobias Bonn) geheiratet. Zusammen mit Ursli (Christoph Marti), schwuler Diva und Körperpflegefetischist, spinnen sie ihre Familiengeschichte wie eine Soap-Opera von Show zu Show weiter - neuerdings soll Toni eine Affäre Anne-Sophie Mutter gehabt haben.

Betörende Dompteure
Dann sind sie wunderbare Entertainer und haben Anfang der 90er unter den ersten den Retro-Kitsch-Kult aus der Schwulenszene auf die Mainstreambühnen geholt. Gross wurden sie nicht in Las Vegas, sondern in Berlin, im Spiegelzelt oder in der Bar jeder Vernunft - wie Georgette Dee und Meret Becker. Sie sind fleissige Perfektionisten. Was vor allem hörbar ist. War bei ihren früheren Schlager-, Jodler-, Rock- und Operettenparaden vor allem die Selbstverliebtheit und Körpertechnik von Ursli wahrnehmbar, so haben ihn Toni (von irgendwo bis Oper) und Fräulein Schneider (von Marlene Dietrich bis Tina Turner) stimmlich weit hinter sich gelassen. Und war Ursli früher der Publikumsmagnet, so scheint es jetzt das zwischen Hayworth, Dee und Dietrich changierende Fräulein zu sein - nicht nur für Monsieur von der Heide. Sie sind Publikumsdompteure mit einer seit Jahren deppensicheren Dramaturgie: Der erste Teil ihres Programms ist in Ansätzen immer thematisch aufgemacht, die Geschwister Pfister im Militär, im Weltall oder im Reisekostüm (wie jetzt in ihrem "Best of"-Programm), zuweilen etwas steif, es folgen Lockerungsübungen mit Champagner (echt und auch fürs Publikum), Joints (echt und ebenfalls fürs Publikum) und Koks (?), nach der Pause regnet es Schmalz und Tanz und Firlefanz und immer die gleichen Highlights ("Blue Bayou" etc.). Natürlich gibt es bei einem "Best of"-Programm noch weniger inhaltlichen Zusammenhang als sonst, aber das ist auch egal. Schliesslich geht es um die Üppigkeit der Pfisters, und nur hier können sie auch ein paar Nummern aus dem "Weissen Rössl" (1994 mit Otto Sander, Meret Becker etc.) ganz out of context einflechten und Gerd Wameling (auch von der "Rössl-Crew) mit Udo-Jürgens-Schlagern in Udos Haus gastieren lassen. Das Publikum konnte sich wie immer erst wieder fassen, als die Hände vor Klatschen schmerzten und die armen Geschwister Pfister vor Zugaben-Erschöpfung fast nur noch auf die Bühne krochen. Was kann man da noch sagen? Es war wunderbar.

Die Pfisters treten noch heute und morgen um 20 Uhr im Corso auf.



Stand: 17.06.2007
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