Deutsches Theater in Göttingen - Theaterzeitung No. 3, Februar 2008
Sisters of Swing |
Alles begann mit einer großen Kiste. Darin waren, wie meine Schwester und ich es nannten, Verkleidesachen. Immer sonntags wurde aus dem Stegreif gespielt, und ich hatte mich ganz besonders in ein kleines Tütü verliebt. Schon bald reichten mir als Zuschauer die vier Nachbarskinder auf meinem Bett nicht mehr aus. Ich brauchte ein größeres Publikum und ging konsequent meinen Weg: von der Kindertheatergruppe der evangelischen Kirchengemeinde über die Schultheater AG gleich als Laiendarsteller ins berühmte Mainzer Unterhaus. Von dort aus an die Schauspielschule in Bern.Zum Abschluss des Studiums war ich mit den Kollegen meiner Klasse auf Vorsprechtour. Unser Programm eröffneten wir mit einem Schweizer Jodler. Hier, im DT auf der Probebühne 3, wo wir jetzt proben, stand ich als einziger jodelnder Deutscher unter neun jodelnden Schweizern. Ich weiß nicht, ob es das war, was den damaligen Intendanten Heinz Engels überzeugte. Er bot mir ein Engagement an. Nach gut zwei Göttinger Jahren erinnerte sich der Staat an mich. Ich sollte Zivildienst machen. Wie manch andere junge Männer entschied ich mich fürs Exil und ging nach Berlin, das war noch vor dem Mauerfall. Bei Drospa habe ich Regale aufgefüllt, Giletteklingen und Oral-B-Packungen waren jetzt mein Publikum. Drei meiner Kollegen aus der Schauspielklasse spielten in Berlin an großen Theatern, aber sie waren ähnlich unerfüllt wie ich. Trost fanden wir in den Liedern der Andrews-Sisters. In meiner kleinen Wohnung trafen wir uns häufig und sangen, auch aus dem Repertoire der Geschwister Schmid - die Schweizer Antwort auf die Andrews-Sisters. Schon bald reichten uns die vier Wände nicht mehr. Mit einer Handvoll Lieder, einer verstimmten Gitarre und angedeuteten Kostümen wagten wir uns auf den Ku'damm vor die Gedächtniskirche. Freudig erwarteten wir die euphorischen Reaktionen unseres unfreiwilligen Publikums, und ängstlich rechneten wir damit, von den Kollegen Staatsschauspielern entdeckt und erkannt zu werden. Nichts passierte. Niemand blieb stehen, um unserem inbrünstigen Vortrag zu lauschen. Nur ein Charlottenburger Dackel-Frauchen hielt inne, und so widmeten wir ihr den nächsten Song. Ihr Kommentar ist legendär: "Versucht's doch mal mit arbeiten, wie andere Leute auch." Wir haben den Standort gewechselt und immerhin Geld für vier Portionen Eis ersungen. Und wir bekamen unser erstes Engagement: Einen Auftritt bei einer Gartenparty in Frohnau. Die Gäste standen unter der gedeckten Veranda, wir im Regen. Von da an nannten wir uns DIE GESCHWISTER PFISTER. Der Erfolg kam später von allein.
Tobias Bonn, |