Musicals, Dezember 2004-Januar 2005

Hello, Dolly!
Ein vergnüglicher Abend mit prominenter Besetzung von Gerhard Knopf

Die Männer waren klasse! - Nach dem Besuch von "Hello, Dolly!" ein Resümee, das die Titelheldin normalerweise schlecht aussehen ließe. Nicht so in Bern. Hier hat man sich den Coup geleistet und die Dolly mit Christoph Marti besetzt. Bei wem es bei diesem Namen nicht gleich klingelt, bei dem fällt vermutlich der Groschen, wenn von Ursli Pfister die Rede ist - jenem showbiz- und selbstverliebten Sunnyboy der Geschwister Pfister.

Pfister-Fans, die Ursli als Dolly auf der Bühne erwarten, sei aber gleich gesagt: Marti spielt die patente Heiratsvermittlerin als Marti. Er nimmt die Rolle ernst und man vergisst ganz rasch, dass da ein Mann in einer der grandiosesten Frauenrollen der Musicalgeschichte unterwegs ist. Und wenn er zu singen anhebt, dann klingt er sogar ein bisschen nach Ur-Dolly Carol Channing. Dass es seiner Stimme am nötigen Volumen mangelt, um sich beim Titelsong mit großen Interpretinnen messen zu können, hört man, aber es stört keinen Moment. Ansonsten bringt Marti ohnehin alles für die Dolly mit: Persönlichkeit, Charme und Witz, aber eben auch die nötige Ernsthaftigkeit in der Darstellung, die Dollys an ihren verstorbenen Ehemann Ephraim gerichtete Monologe erst glaubhaft macht.

Neben Marti - und besonders in den Dialogen mit ihm - brillierte Gerd Wameling als hinreißender Horace Vandergelder. Wameling schafft es ganz wunderbar, gleichzeitig bärbeißig und sympathisch zu sein. Er mag noch so verkniffen dreinschaun, auf seinem Geld sitzen und Machosprüche loslassen, dass ihn jede Frau im ersten Moment auf den Mond schießen möchte: ihm nimmt man nichts wirklich übel, sein guter Kern blitzt immer irgendwie unter der rauen Schale hervor, wodurch Dollys Interesse an Horace erst richtig verständlich wird. Fabelhaft!

Ein nicht minder erfreuliches Gespann gaben Tobias Bonn (der Toni von den Geschwistern Pfister) als Cornelius Hackl und Martin Schick als Barnaby Tucker. Rollengerecht stellte Bonn einen langsam erwachsen werdenden jungen Mann auf die Bühne, während Schicks Barnaby durchgehend seine sympathische Naivität behielt und manchmal wie eine kleine Ausgabe von Ursli Pfister wirkte.

Gegen so viel Manpower hatten die Frauen keine reelle Chance. Die Rollen der Irene Molloy, Minnie Fay und Ermengarde geben ja auch nicht gerade sehr viel her. Immerhin schlugen sich Silvia-Maria Jung, Andrea Pfenninger und Fabienne Biever mit ihrem engagierten Spiel wacker. Die Show stahlen ihnen aber nicht nur ihre Kollegen, sondern auch Grazia Pergoletti. Im ersten Moment glaubte man sich zwar im falschen Musical, als sie unvermittelt "I wonna be loved by you" anhob, aber Pergoletti warf sich als Ernestina Money mit derart überbordender Energie und beherztem Humor auf die Monroe-Nummer, dass es völlig nebensächlich war, weshalb sie integriert wurde. Sie hat einfach Spaß gemacht - so wie der gesamte Abend.

Regisseur Stefan Huber, der den Bernern mit "Singin' In The Rain" und "Crazy For You" schon Laune machende Musicalabende beschert hatte, gelang es auch bei "Hello, Dolly!" wieder erstaunlich gut, Chor, Ballett und Solisten zu einem spielfreudigen Musicalensemble zusammenzufügen. Dass er die Handlung zeitlich in die fünfziger Jahre verlegte, störte nicht, wenngleich dadurch die Aufregung in Mrs. Molloys Hutladen ob der Männer wenig glaubhaft war und auch Bänder an einem Hut damals sicher nicht mehr als verrucht gegolten haben. Doch das konnte man leicht verschmerzen. Ebenso, dass die Parade eher einem kleinen Aufmarsch glich und trotz der darin viel beklatschten Schweizer Trachtler nicht zum ganz großen Knaller als Pausenfinale geriet. Dass Dollys Rückkehr ins "Harmonia Garden" nicht hundertprozentig geglückt ausfiel, war schon bedauerlicher: Ihr Eintreffen ist einfach etwas verschenkt, wenn sie nicht plötzlich im Spot und im Mittelpunkt des Geschehens steht, sondern oben auf der Showtreppe auf ihren großen Auftritt warten muss, während unten noch eifrig herumgewuselt wird. Doch spätestens beim rasanten Kellnerballett mit wehenden Tüchern und fliegenden Tellern (grandios choreografiert von Markus Bühlmann) war man schon wieder völlig versöhnt. Die anschließende Dinnerszene von Dolly und Vandergelder ist ohnehin wunderbar geschrieben und ein regelrechtes Highlight, wenn sie so gekonnt serviert wird wie hier. Das Bühnenbild (Raphael Barbier) erlaubte fließende Verwandlungen, war weitgehend schlicht, aber geschmackvoll. Lediglich die etwas zu billig wirkenden Separees im "Harmonia Garden" sollten wenigstens durch glitzerndere Vorhänge noch etwas aufgemöbelt werden. Auch Dollys Robe in dieser Szene könnte man sich etwas raffinierter denken, trotzdem gefielen die Kostüme von Arne Bäss.

Ein Dreispartentheater wird bei aufwändigen Musicalproduktionen immer an seine Grenzen stoßen, das liegt in der Natur der Sache. Huber, sein Ensemble und das schwungvolle Berner Symphonie-Orchester unter Michael Frei haben mit dieser "Hello, Dolly!" einmal mehr bewiesen, dass trotzdem mit Liebe zum Genre und Sachkenntnis wunderbare Aufführungen gelingen können. Aufführungen, bei denen man über die eine oder andere Unzulänglichkeit fröhlich hinwegsieht und am Ende vergnügt das Theater verlässt.