Kontakt, Dezember 2004-Januar 2005

ROLLENTAUSCH

Autor: Roger Brändlin
Christoph Marti macht Karriere als Frau. Nach der Country-Tochter Ursula West ist er nun zur Broadway-Kupplerin Dolly geworden. Diesmal steht er mit seinen Frauenkleidern aber nicht in einem Schwulen-Club, sondern auf der Bühne des traditionellen Stadttheaters Bern. An seiner Seite spielt Tobias Bonn, sein Mann. KONTAKT hat die beiden in Bern getroffen und dabei ganz beiläufig herausgefunden, wie die Rollen privat verteilt sind.

Christoph Marti spielt Dolly im Musical "Hello Dolly!". Dass ein Mann die weibliche Hauptrolle in einem Broadway-Musical innehat, ist mehr als ungewöhnlich. Der Direktor des Berner Stadttheaters musste sich einen heftigen Ruck geben, Christoph Marti für die Hauptrolle zu engagieren. "Es gab Bedenken, doch der Name "Geschwister Pfister" war als Erfolgsgarant stark genug", erklärt Christoph mit selbstgefälligem Lächeln. Offenbar war die gewagte Besetzung richtig.

"Das Publikum war begeistert, wie lange nicht mehr", schrieben die Zeitungen am Tag nach der Premiere. "Die Bravo-Rufe waren mir das wichtigste, sogar in der Vorstellung mit dem so genannten "Land-Abo" gab's Szenenapplaus", meint Christoph stolz. "Die Zuschauer vergessen nach kurzer Zeit, dass in den Frauenkleidern Christoph steckt", meint auch Tobias. Es soll sogar Leute gegeben haben, die den Mann in Dolly bis heute nicht entlarvt haben. Den wahren Pfister-Fans ist natürlich nicht entgangen, dass Ursli als Frau bestens funktioniert. Bewiesen hat er es in seinem Soloprogramm als Ursula West. Eine Frau zu spielen, sei für ihn das Grösste, meint er schwärmerisch.

Diese Neigung sei bereits im zarten Alter von fünf Jahren zum Vorschein gekommen, als er im Fernsehen eine Übertragung aus dem Pariser Lido anschaute. Die Frauen in ihren Glitzerkostümen hätten ihm enorm imponiert: "Ich wollte Striptease-Tänzerin werden." Mit seiner Rolle als schillernde Heiratsvermittlerin Dolly ist er diesem Ziel nun erstaunlich nahe gekommen. "Ich bin zwar nicht nackt, komme aber immerhin mit Federn auf dem Kopf eine grosse Show-Treppe herunter."

Tobias ist der Ruhigere
Auf Glitter und Glamour kann Tobias hingegen verzichten. Deshalb würde er in "Hello Dolly!" nicht mit Christoph tauschen wollen. Er spielt einen gewöhnlichen Angestellten in Männerkleidern: "Ich bin vielleicht zu wenig Diva, um eine Frau wie Dolly zu spielen", meint er nachdenklich und wird, kaum ausgesprochen, von Christoph jäh unterbrochen: "Stopp! Dolly ist keine Diva, sie ist mondän", korrigiert er bestimmt, so dass Tobias wieder schweigt. "Ich bin einfach schneller und lauter.

Bei Tobi muss man erst mal das "Zwänzgi abelaa", damit er überhaupt was sagt", erklärt Christoph seine Dominanz, mit welcher er auch in unserem Interview immer wieder das Wort an sich reisst. Tobias lacht und fügt verteidigend hinzu, dass es privat natürlich überhaupt nicht so sei. "Nur weil ich lauter bin, heisst das noch lange nicht, dass ich auch selbstsicherer bin", fährt Christoph schon wieder fort. Tobias' Ausgeglichenheit gebe ihm Sicherheit und Halt, ohne die es ihm den Boden unter den Füssen wegziehen würde.

Tobias ist privat wie der Toni von den Geschwistern Pfister. Er übernimmt die sachlich nüchterne Rolle. "Ich bin der, der etwas kreiert, Tobi ist der, der es dann organisiert", bringt erneut Christoph die Rollenverteilung auf den Punkt und schaut dabei liebevoll zu Tobias hinüber.

Beide wissen, dass sie von einander abhängen, sich perfekt ergänzen. Natürlich führen die unterschiedlichen Charaktere auch oft zu Spannungen. Tobi ziehe sich oft zurück und entziehe sich dem Gespräch, beklagt sich Christoph: "Wenn ich frage: Was ist? Und dann lautet die Antwort: Nichts! Dann denk ich jeweils schon: Who are you talking to...?"

Diese tiefe Verbundenheit hat im Laufe der Zeit ein unerschütterliches Vertrauen geschaffen, welches ihnen nach unterdessen zwanzig Jahren auch Eskapaden mit anderen Männern erlaubt. "Ich weiß, dass er zu mir gehört, und ich zu ihm, egal ob da noch andere sind", erklärt Tobias unter zustimmendem Nicken seines Lebenspartners. Deshalb haben die beiden vor gut drei Jahren auch geheiratet. Als eines der ersten schwulen Paare in Deutschland überhaupt ließen sie sich standesamtlich eintragen. Viel geändert habe sich seither nicht. "Wir haben jetzt ein Familienbüechli", erzählt Christoph jedoch unüberhörbar stolz.

Die Geschwister Pfister kommen zurück
Zur Familie gehört aber auch Andreja alias Fräulein Schneider. Eigentlich war auch für sie in "Hello Dolly!" eine Rolle vorgesehen. Andreja wollte jedoch lieber in Berlin bleiben, um an ihrem ersten Soloprogramm zu arbeiten. Anfang Dezember war Premiere. Diese Trennung der Geschwister Pfister sei jedoch nur möglich gewesen, weil sie alle drei gewusst hätten, dass es schon bald zusammen wieder weitergeht.

Das Premierendatum für die neue Show der Geschwister Pfister ist auf Frühling 2006 bereits fixiert. Nachdem sie im letzten Programm mit "Have A Ball" jedoch eine Abschiedsgala gegeben haben, sind die Zuschauer natürlich gespannt, wie sie erklären wollen, weshalb sie nun doch wieder da sind. "Vielleicht melden wir uns aus dem Altersheim zurück...", meint Christoph verschmitzt, "...oder aus dem Gefängnis", doppelt Tobias nach. Und beide freuen sich über den Gwunder, den sie soeben mehr angeheizt als gestillt haben.

Bis die Geschwister in voller Formation zurück sind, gibt's Christoph Marti und Tobias Bonn überraschend anders, aber mindestens so erfrischend im Stadttheater Bern zu sehen. "Hello Dolly!" ist noch bis Februar auf dem Spielplan.

Christoph Marti (*1965 in Bern) und Tobias Bonn (*1964 in Bonn) lernten sich 1984 am Konservatorium für Musik und Theater in Bern kennen. Nach der Schule nahm Christoph ein Engagement am Schillertheater in Berlin an. Tobias zog nach zwei Jahren am Deutschen Theater in Göttingen nach. In dieser Zeit der Trennung hätten sie erst gemerkt, wie sehr sie sich brauchten. In Berlin bildeten sie zu viert mit zwei Schulkollegen aus der Studienzeit in Bern die Urformation der Geschwister Pfister. Bereits im ersten Programm "Melodien fürs Gemüt" (1991-1993) luden die Pfisters Andreja "Fräulein" Schneider als "Stargast" ein. Seit der Auflösung der Urformation (1995) gehört sie (durch Heirat mit Toni) fest zur Pfister-Familie. Im August 2001 ließen Tobias Bonn und Christoph Marti auf dem Standesamt Charlottenburg ihre Lebenspartnerschaft eintragen. 2002 feierte Christophs Soloprogramm "Ursula West - Daughter of the Country" in Berlin Premiere.