Solothurner Zeitung, 12.10.2004

Versöhnung auf der Bühne mit Dolly
Furios: Ein Musical in echter Broadway-Manier am Berner Stadttheater

Nach dem "Sturm" der Entrüstung nun eine furiose Versöhnung mit dem Publikum: Die Musical-Comedy "Hello, Dolly!" bot im Stadttheater Bern einen bunten Abend mit Gesang, Tanz, Schalk - und viel Applaus.

EVA BUHRFEIND
Die Handlung dieses amüsanten Musicals - die Story nach Thornton Wilders "Heiratsvermittlerin" geht auf Nestroys Posse "Einen Jux will er sich machen" zurück - ist simpel. Da muss man sich etwas einfallen lassen, damit die ohrwurmige Frische der Musik (Jerry Herman) aufs Publikum überspringt. Stefan Huber, er inszenierte im Stadttheater Bern auch "West Side Story" und "Singin' in the Rain", hat für diese Inszenierung peppig aufgetragen: Er greift auf bekannte Namen und Gesichter zurück, lässt Arne Bäss die Darsteller üppig und aufwändig auf die 50er-Jahre zurechtkleiden. Raphael Barbier stilisiert mit schnell zu wechselnden, malerischen Bühnenstellwänden New Yorker Impressionen. Chor und Ballett beleben immer wieder farbenprächtig und sangesfreudig das Geschehen, unterhaltsame Kapriolen tun ein Übriges.

Augenzwinkernde Nostalgie
Vor allem aber erweist Stefan Huber mit einer versierten Besetzung und mit augenzwinkernder Nostalgie den amerikanischen Revuefilmen und Broadway-Shows die Reverenz. Als lebenslustige Witwe Dolly Levi fungiert Christoph Marti, das Ursli der Geschwister Pfister. Elegant bis in die Pumps, aber nie als Travestie, hat er das Weib aufreizend intus. Vital, graziös, mit herbem Charme, mit Verve und kehlig-kraftvollem Timbre schwingt er die Hüften, klimpert mit den Wimpern, intoniert die Melodien des Herzens. Mutig sentimental im Schmerz der einsamen Witwe und weiblich berechnend, wenn es darum geht, das "beste Stück" unter den Heiratskandidaten für sich zu ergattern. Dieses "beste Stück" ist Horace Vandergelder, ein reicher Futtermittel-Kaufmann, der eigentlich nur heiraten will, um eine billige Haushälterin zu bekommen. Gerd Wameling, bekannt aus TV-Filmen, verleiht dieser bärbeissigen Krämserseele jenes ununterbrochen piesepampige Pfennigfuchsertum, das nach mancherlei Turbulenzen bei Dolly im Ehehafen stranden muss. Auch im Rest der Truppe finden sich spielfreudig unbekümmerte, lollipopbunte Kunstfiguren: Tobias Bonn (der Toni der Geschwister Pfister) als jungfräulicher Cornelius Hackl, der sich samt Lehrling Barnaby (Martin Schick) heimlich einen freien Tag gönnt und in New York nicht nur der lieblichen Hutmacherin Irene Molloy (Silvia Maria Jung) das Heiratsgeschäft mit Vandergelder vermasselt, sondern trotz Geldnöten ihr Herz gewinnt.

Beschlagenes Ballettensemble
Vandergelders blonde Nichte Ermengarde (Fabienne Biever) heult eigentlich nur. Ihr Verlobter Ambrose (Thomas Mathys) zeichnet sich als verbiesterter Baskenmützenträger aus. Ernestina Monev ("Grazia Pergoletti") quäkt ein schrilles "I wonna be loved by you". Es wird - zum Glück in Englisch - gesungen, es marschiert eine folkloristische Parade samt Schweizer Sennentracht und Cheerleadern auf. Das Ballettensemble zeigt, was es kann: Teller jonglieren, Can-Can brettern oder Rollschuh laufen. "Hello, Dolly!" wird geschmettert. Und diese tänzelt grazil und intrigiert raffiniert. Das falsche Portemonnaie gerät in die richtigen Hände, Vandergelder in schwere Nöte und das Ballett ständig dazwischen - bis der furiose Stimmungspegel auf der Bühne ins Happyend und im Zuschauerraum in minutenlangen, begeisterten Applaus umschlägt.