Der Bund, 12 Oktober 2004

Ursli Pfisters Triumph als Dolly Levi

Jerry Hermans Erfolgs-Musical "Hello, Dolly" zum dritten Mal im Stadttheater Bern

MARTIN ETTER
Normalerweise verderben allzu viele Köche den Brei - nicht so beim Musical-Klassiker "Hello, Dolly", für den Michael Stewart (nach Thornton Wilder und Johannes Nestroy) den Text geschrieben und Jerry Herman die Liedtexte und die Musik verfasst hat. Das 1964 in New York uraufgeführte Stück hat sich staunenswert frisch und jung erhalten: Ganz ohne Zweifel gehört diese "Dolly" (und nicht nur der mitreißende Titelschlager) zu den dauerhaftesten und vergnüglichsten Evergreens des Genres.

Vorzügliche Hilfskräfte
Dem in Bern ausgebildeten und zurzeit in Berlin wohnhaften und tätigen Regisseur Stefan Huber verdankt das Berner Stadttheater auf den Gebieten Komödie und Musical einige seiner nachhaltigsten Erfolge. Diesen bisherigen Inszenierungshöhenflügen schließt sich nun die "Dolly" nahtlos an: Die Aufführung besitzt Pfeffer, Witz, Einfallsfülle und ein geradezu ideales Timing - kaum je gibt es Szenen, die durchhängen, kaum je Gags, die sich wiederholen, kaum je Momente, die nicht mit den subtilsten Mitteln durchkomponiert sind.

Offensichtlich hat sich Stefan Huber zu einem Meister der musikalischen Komödie entwickelt - und Bern darf sich glücklich schätzen, ihn zu seinen Hausregisseuren zählen zu können.

Nicht minder harmonisch fügen sich die von Markus Bühlmann verantworteten choreografischen Einschübe in das Ganze ein: Die Tänzer des Stadttheater Bern Balletts wirbeln virtuos und geradezu zirkusreif über die Bühne und lassen keine toten Stellen aufkommen. Vorzügliches leisten auch die beigezogenen Ensemble-Mitglieder und der von Lech-Rudolf Gorywoda instruierte Chor.

Und die Besetzung
Nicht zu vergessen seien die köstlich-amüsanten und erst noch sekundenschnell verwandelbaren Bühnenbilder von Raphael Barbier, die originellen Kostüme von Arne Bäss, die Lichtdesign-Zaubereien von Jacques Battocletti und die Hilfestellungen im Tonbereich von Martin Ruch.

Als Heiratsvermittlerin Dolly Levi ist Christoph Marti alias Ursli Pfister ganz einfach eine Wucht. Er bewegt sich überaus feminin, wirkt herrlich sexy, singt durchwegs hochmusikalisch und versprüht eine Nuancenfülle, die immer wieder begeistert und zu Applaussalven animiert - ein faszinierendes Wesen zwischen Mann und Frau und ein Künstler mit offenbar unendlich variierbaren Ausdrucksmöglichkeiten.

Gerd Wameling, von Theater- und Fernsehauftritten in Deutschland her wohl bekannt und beliebt, leiht dem Hagestolz Horace Vandergelder Typenechtheit und darstellerische Durchschlagskraft, Tobias Bonn dem sich einen lux in der Grossstadt gestattenden Cornelius Hackl Lockerheit und feine Zwischentöne, Martin Schick Charme und lebhafte Mimik, Silvia Maria Jung der Irene Molloy stimmlich und schauspielerisch Format, Andrea Pfenninger der Minnie aparte Backfischlieblichkeit, das Paar Thomas Mathys und Fabienne Biever die geforderte Teenager-Unsicherheit, Klaus Degenhardt seinen Aufgaben sein souveränes Können und Grazia Pergoletti ihren Rollen zwerchfellerschütternde Brüllorgien.

Am Pult des wohl gelaunten Berner Symphonie-Orchesters sorgt Michael Frei für Lyrik wie für Dramatik bei bisweilen leicht überzogener Lautstärke.