Christoph Marti ("Ursli Pfister") ist Dolly. Sie sammelt Männer, er erhielt an der Premiere Rosen. Das Publikum des Berner Stadttheaters feierte eine ausgezeichnete Inszenierung des Musicals "Hello Dolly".
Beim Schlussapplaus regnet es Rosen. Nun ja, regnen ist übertrieben, tröpfeln angemessener. Aber selbst das ist im Stadttheater so ungewöhnlich, dass man es erwähnen muss. Die Blumen galten dem Ensemble, vor allem aber Christoph Marti, bekannt als "Ursli Pfister" und Mitglied der "Geschwister Pfister". Marti spielt die Dolly und damit eine Rolle, in der schon viele Showbiz-Stars reüssiert haben. Der Künstler besteht den Vergleich: Die Rosen tröpfelten zu Recht.
Seit Jahren betreut Regisseur Stefan Huber die Musicals im Stadttheater. Jedes Mal sind das vergnügliche Bühnenfeste, bei denen Hauptstadttheater zelebriert wird. "Wenn man von der Hand in den Mund lebt, muss man mit beiden Händen zugreifen", sagt Dolly. Wenn Huber inszeniert, hat das Stadttheater alle Hände voll zu tun: Er holt das Beste aus Werkstätten und Ateliers. Gut so. Die städtische Bühne soll auch für Kostümwirbel sorgen. Da weiß man wenigstens für was man Steuern zahlt.
Zusätzlicher Glamour
Viel fürs Auge und Ohr bekommt das Publikum auch diesmal. Für zusätzlichen Glamour sorgte das Stadttheater, indem es für die Titelrolle Christoph Marti engagierte und dessen Bühnenpartner Tobias Bonn ("Toni Pfister") als Cornelius Hackl einsetzte. Marti in dieser so häufig gespielten Frauenrolle: Da mischt sich ins Wohlwollen schon etwas Schaden-Vorfreude. Die Skeptiker kommen jedoch nicht auf ihre Rechnung. Marti meistert die Herausforderung ganz ausgezeichnet. Gewiss: Man hat die berühmten Versionen des Titel-Hits im Ohr, von Barbara Streisand bis Louis Armstrong. Bei Marti muss man gesanglich
Abstriche machen, aber seine Präsenz und Ausstrahlung gleichen das aus.
Tüll-Fülle
Das 1964 uraufgeführte Musical steht und fällt mit der Titelrolle. Dolly kuppelt Paare zusammen. Eine solche Mission führt sie zu Horace Vandergelder. Insgeheim will Dolly den Ladenbesitzer allerdings selbst angeln. Dies gelingt ihr denn auch, doch vorher sind abendfüllende Verwicklungen aufzubröseln. Vandergelders Angestellte, Cornelius Hackl und Barnaby Tucker, reisen aus der Provinz nach New York. Dort treffen sie sowohl auf ihren Chef, als auch auf mannigfache Versuchungen. Von Jerry Herman stammen die Musik und die Songs des Musicals. Michael Stewart schrieb den Text und stützte sich dabei auf Thomton Wilders "Heiratsvermittlerin". Dieser wiederum bediente sich bei Johann Nestroys "Einen Jux will er sich machen".
Kostümbildner Arne Bäss holt Nestroy mit Biedermeier-Zitaten ins Spiel, Überhaupt sind die Kleider ein eigenes vergnügliches Kapitel. Die Tüll-Fülle der Peticoats lässt Männer- und Frauenherzen höher schlagen, und dass an der New Yorker Straßenparade Bärner Trachten-meitschi und -giele marschieren, bringt Zusatzlacher.
Der Höhepunkt von Markus Bühlmanns Choreografie sind die Akrobatikeinlagen im Nobel-Restaurant. Das Ballett brilliert als Tellerschmeiss-Truppe, die Mitglieder unterstützen als Sänger und Sängerinnen aber auch den von Lech-Rudolf Gorywoda geleiteten Chor.
Viel Theater für viel Geld
"Hello Dolly" ist kein Schauspielmusical. Abgesehen von Dolly haben die Figuren weder Profil noch Motive. Sie streiten, weil die Handlung dies verlangt, sie lieben sich, weil das Ende des Stücks naht. Das Ensemble überzeugt mit durchwegs ausgezeichnetem Gesang und achtet zurecht mehr auf Slapstick als psychologische Dringlichkeit. Gerd Wameling überzeugt als Horace Vandergelder mit cholerischem Biedersinn. Tobias Bonn betört als Cornelius Hackl Frauenherzen. Martin Schick ist ein lustiger Barnaby. Silvia-Maria Jung und Andrea Pfenninger knüpfen als Hutmacherinnen zarte Bande. Und Grazia Pergoletti hat als Ernestina einen umwerfend komischen Auftritt.
"Geld muss man ausgeben", sagt Dolly. Erst wenn es fließe, tauge es was. Stimmt. Das Stadttheater schöpft für sein Musical aus dem Vollen, bietet für das viele gute Geld aber auch viel gutes Theater.
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