Falter 46/07, Kultur, 16.-22.11.2007

Frösche in der Fledermaus
Musiktheater Es kann was Wunderbares sein: Die Volksoper hat zwei Drittel der Berliner Kabarettgruppe Geschwister Pfister für eine Hommage an den Operettenkomponisten Ralph Benatzky engagiert.

CHRISTOPHER WURMDOBLER
Singen gegen den Lärm der Stadt im Proberaum unterm Stadtbahnbogen vis-à-vis der Wiener Volksoper: rechts und links Verkehr, am Plafond grauer Stuck und Neonröhren, darüber rumpelt noch die U-Bahn. Großes Musiktheater, durch die Situation gebrochen, fast wie beim Schweizer Bühnenzauberer Christoph Marthaler. Ein erst blendend gelaunter, dann kurzzeitig beleidigter Tenor, der keinen Chor singen mag. Sängerinnen, die durcheinanderreden, lachen und planen. Hier noch ein guter Einfall, da eine noch bessere Idee. Probenchaos, das sich immer wieder in wunderbare Harmonie auflöst, wenn der Pianist in die Tasten haut und alles singt. Schrittfolgen werden basisdemokratisch festgelegt. Wollt ihr individuelle Posen? "Wir wollen eine gleiche!", ruft Andreja Schneider ins Chaos und strahlt. Sie ist das "Fräulein Schneider" bei der Musikkabarettgruppe Geschwister Pfister und gemeinsam mit Tobias Bonn ("Toni Pfister") Stargast beim großen Ralph-Benatzky-Abend "Es muss was Wunderbares sein der am 18. November an der Wiener Volksoper Premiere hat. Christoph "Ursli" Marti, der dritte Pfister, kann nicht dabei sein. Er probt am Münchner Gärtnerplatztheater gerade "Cage aux Folles".

Der in Wien und Berlin erfolgreiche Ralph Benatzky (1884-1957) ist heute vor allem noch als Komponist der Operette "Im Weißen Rössl" und einiger Zarah-Leander-Nummern bekannt. Nun aber wird der Schöpfer von mehr als 1500 sarkastisch-bösen Chansons, zahlreichen Revue-, Jazz-und Kammeroperetten sowie Filmmusiken wiederentdeckt - und aus der schmalzigen Kitschkiste geholt: weniger Seligkeit, mehr Seele. Darum hat die Volksoper wohl auch die Geschwister Pfister engagiert; bei ihnen ist Wortwitz Programm. 1994 spielten die Pfisters in Berlin Benatzkys "Rössl" drei Monate lang am Stück - gemeinsam mit prominenten Theaterkollegen. Sie hätten diese erfolgreiche Produktion auch drei Jahre spielen können, sagt Tobias Bonn. "Das macht uns aber nicht zu Benatzky-Experten." 13 Jahre später proben sich er und Andreja Schneider durch die Wiener Volksoper - und durch ein dickes Notenbuch mit bekannten und unbekannten Liedern des Komponisten.

"Es ist schon verrückt, wie die da loslegen", bewundern die beiden ihre neuen Opernkollegen nach der ersten Ensembleprobe tags darauf im Kaffeehaus. Als vor einem halben Jahr die Einladung nach Wien kam, versorgten sich Bonn und Schneider erst einmal mit Benatzky-Material, hörten sich durch historische Aufnahmen und stellten fest, dass dort Schauspielergesang vorherrschte. Von wegen kräftige Opernstimmen! "Die sind damals viel mehr auf die Sprache gegangen, haben sich nicht einfach an die Rampe gestellt und drauflos gebrüllt", sagt Bonn. Daran wollen sich die beiden orientieren.

Die Gala wird ein geschickt gebauter, halbszenischer Abend mit Orchester, Pianist und einem kleinen Schrammelensemble auf der Bühne. Dramaturgisch räumt man den Gästen aus Deutschland eine Extraposition ein: singende Schauspieler als exotische Vögel zwischen all den Sängern. Befürchtungen, an die Wand gesungen zu werden, haben sie nach dem ersten Kulturschock nicht. "Das ist so wie beim Frosch in der ,Flederrnaus"', sagt Schneider. "Aber wir hoffen, dass wir noch drei, vier Sätze sagen dürfen. Das hat uns Christoph Wagner-Trenkwitz eigentlich versprochen." Dem Dramaturgen der Volksoper, der die Opernball-Übertragung mit Karl Hohenlohe zum witzigen Erlebnis macht, liegt der neue Blick auf den Komponisten sehr am Herzen. Wagner-Trenkwitz wird auch die Gala moderieren und dafür sorgen, dass von Ralph Benatzky nicht nur das "Weiße Rössl" in der schnulzigen Peter-Alexander-Version im Gedächtnis bleibt.

Die Rösslwirtin hat Schneider vorsichtshalber zuhause gelassen. "Natürlich ist das Show-business ein Geschäft, das mit der Oberfläche spielt. Wenn unter dieser Oberfläche dann auch noch ein kleines bisschen Sinn zu erkennen ist, dann wird's umso interessanter", sagt sie. Gerade das Fach Operette sei ausgesprochen subkulturkompatibel, wenn man ihm mit Liebe begegne.

Die Geschwister Pfister machen das mit ihrer Art Musiktheater seit 16 Jahren, mit Gespür für Witz und Zwischentöne, mit Humor und Sinn für Abgründe, ohne das Genre zu verblödeln. Seit 16 Jahren lebt die Truppe - gute Schauspieler, die immer wieder auch Theater spielen ("Wir würden gerne mal mit Marthaler zusammenarbeiten") und inszenieren oder in Spielfilmen auftreten - auch von der Hand in den Mund. Pfister-Shows sind aufwendig produziert, ohne Subventionen, dafür mit Hang zu teuren Kostümen, Bühnenbildern oder sogar Bigbands. "Bei der Premiere neuer Programme sind wir regelmäßig in den roten Zahlen", sagt Tobias Bonn, und man könne ruhig schreiben, dass die Geschwister Pfister einen Sponsor suchen.

Wahrscheinlich genießen Bonn und Schneider das sorgenfreie Benatzky-Engagement im subventionierten Wiener Staatstheater auch deshalb so. Wegen der ganz großen Operette.