Berliner Tagesspiegel, 15. Mai 2009Die Geschwister Pfister verwandeln das Tipi am Kanzleramt in eine Wellness-Oase |
Wer dran glaubt, dem helfen auch Placebos. Und wer die Geschwister Pfister liebt, wird auch ihr neues Programm mögen: Urslis Kostümparade zwischen Marie Antoinette und rappenscharfem Crazy-Horse-Outfit, Tonis schwyzer Geschwätz, Fräulein Schneiders nicht immer ganz stubenreine Kefir-Philosophie ("Wo ich hinkomme, bilden sich Kulturen"). Diesmal hat sich das seit 1991 in Berlin aktive Trio in die eigene Klinik eingeliefert - wobei sich das als Einsiedelei für die drei Kleinkünstler gedachte Chalet unverzüglich zum Treffpunkt ausgebrannter Medienstars entwickelt. Wenn die Scheinwerfer im Tipi am Kanzleramt aufflammen, wird in der eleganten Lobby mit Natursteinkamin (Bühne: Stephan Prattes) gerade das dreijährige Bestehen des Familienbetriebs gefeiert. ...Die Geschwister Pfister feiern ein Frühlingsfest der Popmusik, einen Grand Prix des extravaganten Geschmacks, so lustig wie beim Kinderfasching, so grellbunt wie in Las Vegas, so frivol wie einst in der Nachtrevue des Friedrichstadtpalasts. Das Kostümfest, das im zweiten Teil gefeiert wird, bietet zweifellos Entertainment der Extraklasse. Ein Sanatorium im Kurschatten... (Kostüme: Guido Maria Kretschmer). Wenn Tobias Bonn mit blonder Zottelmähne einen erschreckenden Ausblick darauf gibt, wie Florian Silbereisen in 20 Jahren aussehen könnte, wenn Christoph Marti als rhythmischer Sportgymnast brilliert, wenn Andreja Schneider alias Räuber Hotzenplotz die Schlager-Trouvaille "In der Spelunke zur alten Unke" intoniert, dann hat das die gewohnte Klasse. Und klingt sogar noch perfekter, noch professioneller als je zuvor: Getragen von Johannes Roloffs genialen Arrangements lassen die Geschwister Sixties-Swing auf politischen Folk krachen, zappen vom Rap zur Schnulze, locken "Bongo Cha-Cha-Cha, kommt mit nach Südamerika", reisen zur "Kirchweih nach Tschenstochau". Die wörtliche Übersetzung des lateinischen Ausdrucks "placebo" lautet schließlich "ich werde gefallen". Lang anhaltender Jubel. (Frederik Hanssen, erschienen im gedruckten Tagesspiegel vom 15.05.2009) |