klassik.com, 15. Mai 2009

Erste neue Show seit 2006
Kritik zu Die Geschwister Pfister 'In the Clinic'
Gleißende Starquality

Kritik von Dr. Kevin Clarke / klassik.com 15.5.2009

Es gab einen Moment, recht früh an diesem Abend im Berliner Tipi-Zelt-am-Kanzleramt, wo Andreja Schneider, Tobias Bonn und (‚the one and only') Christoph Marti als ‚Geschwister Pfister' nebeneinander standen, in schrägen Seventies Kostümen, noch schrägeren Perücken und den schräg-schönen Song 'Those lazy, hazy, crazy days of summer' sangen, als ich das Gefühl hatte, von drei 10.000 Watt Scheinwerfern angestrahlt zu werden. Die gleißende ‚Star Quality' dieser drei Künstler - einzeln und zusammen - ist schlichtweg phänomenal und stellt alles in den Schatten, was ich in den letzten Monaten (wenn nicht Jahren) auf Berliner Opernbühnen und Konzertpodien erlebt habe. Diese unwiderstehliche (dabei immer sympathische) Diven-Aura ist etwas, was ich persönlich bei den meisten Musiktheateraufführungen der Jetztzeit schmerzlich vermisse. Es nun ausgerechnet an dieser (privat finanzierten) Berliner Kleinkunstbühne ganz groß und vor allem mit der größtmöglichen Selbstverständlichkeit zu erleben, war für mich das Ereignis des Abends. Ein Ereignis, das sich von Nummer zu Nummer, Zugabe zu Zugabe steigerte, intensivierte, und mit Ovationen als (wohlverdienter) Triumph endete. Der Triumph der Geschwister Pfister, wieder vereint und unschlagbar in dieser Dreier-Kombination. Aber auch ein Triumph der quicklebendigen, fantasievollen, kommerziellen Kunst über die oft so blutleere Staatskunst-an-Staatstheatern. Der Berliner Kulturstaatssektretär André Schmitz saß schräg vor mir und schien sich blendend zu amüsieren - vielleicht gibt ihm ein Erfolg, wie der der Pfisters, zu denken, wenn es wieder darum geht, in der Stadt Posten zu besetzen? (Er hatte am Tag der Premiere in einem Zeitungsinterview gesagt: ‚Wenn Kulturpolitik im Wesentlichen Personalpolitik wäre, dann müsste man nur genügend Geld haben, um die richtigen Leute zu holen oder zu halten.')

'Fantasy Island'

Nach diversen Einzelaktivitäten - Andreja Schneider trat kürzlich mit Katharina Thalbach in einem Stück auf, Christoph Marti spielte in München 'La Cage' und in Bern 'Hello Dolly', Tobias Bonn inszenierte u.a. in Göttingen erfolgreich Musicals - haben die drei Entertainer nun erstmals seit 2006 wieder ein gemeinsames Showspektakel zusammengebastelt, das den Titel 'In the Clinic' trägt und damit einen sehr losen Handlungsfaden vorgibt: Die Geschwister haben in den Anden eine Entzugsklinik für Promis eröffnet und plaudern nun munter über VIPs, die zu Besuch waren (Veronica Ferres, Boris Becker, Iris Berben, um nur einige zu nennen). Aber im Grunde ist diese Klinik-Geschichte unwesentlich, sie könnten das Ganze auch ‚Die Geschwister Pfister auf Fantasy Island' nennen (was die Kostüme und Deko teils nahegelegen würden), es hätte wenig Unterscheid gemacht. Sie spielen ihre üblichen Family Sketche, das ‚Fräulein' mit ihrem hinreißenden bulgarischen Akzent (und gehüllt in ein ebenso hinreißendes lilafarbenes bulgarisches Blümchenkleid), ‚Toni' plaudert mit Schweizer Nonchalance und ‚Ursli' läuft in einem türkisfarbenen Stretchanzug herum, was man gesehen haben muss, um zu glauben, dass jemand in so etwas gut aussehen kann. (Er tut es.) Und sie singen natürlich, viel und schön: eine Retro-Nummer nach der anderen, von 'Those lazy, hazy, crazy days of summer' über 'Cinderella Rockefeller' bis zum 'Bongo Cha-Cha-Cha'. Das erstaunliche ist, wie gut ihre so unterschiedlichen Stimmen und Temperamente harmonieren. Und dieses süchtigmachende Ganze kreieren, mit dem sie ihre Fans seit der ersten dieser Shows, ‚Ursli Pfister - a pure joy' 1993, anlocken.

‚In der Spelunke zur alten Unke'

Was im Vergleich zur letzten Show auffällt ist, dass der Grundton des Abends wieder ein deutlich positiver, optimistischer ist und die dunklen Schatten, die ‚Home Sweet Home' teils unangenehm überlagerten, verschwunden sind. Das tut dem Abend gut. Ebenso der Spaß an den verrückten Kostümen: Nach der Pause tritt Fräulein Schneider - während eines Kostümfests in der Klinik - als Räuber Hotzenplotz auf, Toni als Panzerknacker (mit dem Schlager ‚In der Spelunke zur alten Unke'), und Urlsi kommt als... als Marie Antoinette. (Spektakulär.) Wenig später werfen sie jedoch diese Kostüme wieder ab - und schlüpfen in reichlich tierische, scharze Sex-Outfits: Fräulein Schneider als Katze mit Korsett und Lederstiefeln, Ursli in Chaps aus Wuschelfell und Toni in einem Pudel-Kostüm, das zum Schreien aussieht. Es ist interessant, die Interaktion der Künstler zu beobachten. Im Grunde ist der Abend ein Diven-Doppel zwischen Andreja Schneider und Christoph Marti, bei dem Tobias Bonn geschickt zurücktritt, und sich so quasi nebenbei Sympathie erspielt (u.a. mit seinem Solo-zu-Gitarrenbegleitung ‚Joe Hill'). Die beiden Diven selbst schaffen es immer wieder, sich gegenseitig zu übertrumpfen, ohne dass das unangenehm oder peinlich würde. Vielmehr erhöht es die Volt-Zahl des Abends. Das blendend aufgelegte Premierenpublikum lachte jedenfalls über viele der Szene so laut, dass teils die Show unterbrochen werden musste und ein höchst witziger Dialog von der Bühne herunter mit den Zuschauern entstand... Erwähnt werden muss auch das Johannes Roloff Trio, das (ebenfalls mit Starquality) den Abend bravourös begleitete. Zum Schluss, wie gesagt, fand der Jubel kein Ende. Und so gab es Zugabe über Zugabe. Dabei fand ich besonders das ‚Türkische Liebeslied' - von allen dreien gesungen - anrührend. Vielleicht weil es mich in einem Moment von Sentimentalität an die ‚Pure Joy'-Show von 1993 erinnert, wo es eine ähnliche Nummer über Weihnachten-auf-Hawaii gab.

Weihnachten auf Hawaii

Dieser Besuch 'In the Clinic' ist eine Revue im besten Sinn des Wortes und in der besten (leider weitgehend vergangenen) Berliner Tradition der 1920er Jahre. Groß, schrill, sexy, bunt, swingend. Man könnte die Lieder austauschen, die Sketche ersetzen. Aber das macht nichts... denn jede Nummer ist ‚Vintage Pfister'. Mit soviel Glanz, wie er derzeit sonst auf einer Hauptstadtbühne nicht anderswo zu sehen ist. Schade, dass die Intendanten der Musiktheaterbühnen die Pfisters - einzeln oder zusammen - nicht regelmäßig für Stücke engagieren. Speziell die Komische Oper könnte mit ihnen das Operetten- und Musicalrepertoire des Hauses gewaltig aufpeppen. Vielleicht erzählt André Schmitz es ja einmal einem der neuen Intendanten weiter, wenn er wieder Verträge aushandeln muss. Bis dahin: Nichts wie hin zu dieser Show!