Kulturradio, 14. Mai 2009
TIPI: "Die Geschwister Pfister in der Klinik" |
Wer nicht drin ist, will rein. Bei der neuen Bühnenshow der Geschwister Pfister handelt es sich um die Werbeveranstaltung jener Promi-Klinik, in welcher die Geschwister Pfister als Ärzte fungieren. Boris Becker und Iris Berben haben schon wieder ausgecheckt. So sind Plätze frei, am Ausgang liegen die Bewerbungsformulare. Zwischen zwei Dutzend Liedern werden die Therapieformen vorgestellt. Sie reichen von Meditation über Doppelherz-Kampftrinken bis zur öffentlichen Darmspiegelung.In der Luxus-Farm im Prärie-Stil von Frank Lloyd Wright (Bühne: Stephan Prattes) trägt Toni eine blonde Dr.-Frankenstein-Tolle. Ursli gibt der inzwischen heftigen Neigung zum Sunset Boulevard von Norma Desmond nach. Und Fräulein Schneider, die bulgarische Nachtigall, erscheint bis zur Pause unter einer monströsen Doris-Day-Perücke, danach - auf dem "Räuberball" für die Patienten - als Hotzenplotz neben Panzerknacker und Ursli als Marie Antoinette (gloriose Kostüme: Guido Maria Kretschmer). Dass Fergie, die Herzogin von York, ihren Namen nicht in den Schnee pinkelt, wird einem nur knapp erspart. Stattdessen hat Cora Frost als Maikäfer einen Cameo-Gastauftritt. Nach ihrer Uraufführung in Zürich war die Show schon in Köln, Düsseldorf und München. Das haben wir in Berlin eigentlich gar nicht gern! Auch ist die Idee nicht ganz neu (The Dame Edna-Treatment in Großbritannien). Da aber Pfister-Uraufführungen in der Vergangenheit oft nicht ganz fertig waren, aber von der artifiziellen Ausgefeiltheit leben, profitiert die Premiere von den Tryouts. Urslis Hüftschwung, vollführt mit der Präzision eines Messerwerfers, geht im verdienten Jubel einer Gemeindeveranstaltung des Edel-Trashs auf. Man muss es mögen. Und man mag es. Nach so vielen Jahren sind die Pfisters gewiss längst am Bodensatz ihrer Plattenkiste angekommen. Umso besser. Von Nat King Coles Lazy-hazy-crazy Days of Summer bis Trude Herrs In der Spelunke zur alten Unke besteht der Witz immer darin, dass der Müll sauber in Form gebracht, das Lose perfektionistisch überschärft wird. Das Großartige an den Pfisters bleibt, dass Leichtes mit dermaßen viel Kunstverstand vorgetragen wird, als sei's Hamlet, und dennoch Unterhaltung sein will. Es hat keine Prätention. Und wird dadurch mehr als nur Entertainment. Die schönste, lustigste und ebenmäßigste Show der Pfisters seit langem. Kai Luehrs-Kaiser, kulturradio |