Neue Zürcher Zeitung, 14. April 2009

Maskenballerei
Die Geschwister Pfister zeigen im Theater am Hechtplatz "The Clinic"

Tobias Hoffmann

Der Titel hat keine zwei Minuten Bestand: Kaum sind die Geschwister Pfister bei der Premiere ihres neuen Programms "The Clinic" auf die Bühne des Theaters am Hechtplatz sackgehüpft, in ein zwittriges Kostüm zwischen Koch und Krankenpfleger gezwängt, kaum haben sie einen berühmten Simon-&-Garfunkel-Song angestimmt, werfen sie die klinisch weissen Hüllen ab und zeigen sich als die notorisch bunten Bühnenschmetterlinge, die sie nun einmal sind und wohl immer bleiben werden. Alles, was ein Titel wie "The Clinic" an thematisch rotem Faden versprechen mochte, ist damit ebenfalls abgelegt. Und der Weg ist frei für die drei primären geschwisterlichen Lüste: 1. das Singen, 2. das Verkleiden und 3. das Blödeln.

Verschwenden wir also keine Zeit mit der Rahmenhandlung, die irgendetwas mit einer Privatklinik für gestrandete Prominente zu tun hat. Die Pfisters stellen sich als medizinisches Personal vor, doch im Grunde weiss jeder im Saal, dass sie zu den besonders durchgeknallten Patienten gehören. Die Ärzte lassen ihnen alle Freiheit beim hemmungslosen Singen, denn das halten sie wohl für die beste Therapie. Niemand im Publikum wird ihnen widersprechen wollen. Die Pfisters singen stilvoll, flott und kitschresistent wie eh und je, instrumental und vokal gestützt vom messerscharf präzisen und aufmerksamen Jo Roloff Trio.

Schon immer galt im Showgeschäft die Gleichung: je üppiger die Kostüme, desto fadenscheiniger die Dramaturgie. Oder umgekehrt. Nach der Pause wird Maskenball gefeiert (als wenn es nicht schon vorher einer gewesen wäre). Zu den Klängen des furchterregend albernen Sechziger-Jahre-Schlagers "In der Spelunke " kugelt Toni Pfister (Tobias Bonn) als Panzerknacker über die Bühne, Fräulein Schneider (Andreja Schneider) hält als zottiger Räuber Hotzenplotz dagegen, Ursli Pfister (Christoph Marti) hingegen hat sich beim Motto verhört und raubt den anderen mit Marie Antoinettes pompösem Reifrock die Show. Nach der nächsten Entpuppung ist er dann, als brustfreies Teufelchen, eher ein Primus inter Pares. Fräulein Schneiders Domina-Katze, Toni Pfisters Pudel und er bilden ein Trio infernale, das "von Liebe und Glücklichsein" singt und simultan Cha-Cha-Cha tänzelt. Wenn nun aber Fräulein Schneider scherzt, es würden auch Lieder eigens für ein älteres Publikum gesungen, erscheint das völlig ironiefrei: "The Clinic" inauguriert, absichtlich oder nicht, ein neues Genre: Camp fürs Altersheim. Gewürzt mit gut verträglichen Dosen von Anzüglichkeit und Zynismus. Ursli Pfister - what a nasty boy - preist da ganz umsonst die Nebenwirkungen von Medikamenten. Diese Show hat garantiert keine.

Zürich, Theater am Hechtplatz, bis 19. April.