Die Südostschweiz, Graubünden, Kultur, 21. Mai 2008

Ursli Pfister kratzt am Amerikanischen Traum

Franziska Ramser
Christoph Marti alias Ursli Pfister singt die bissig-zynischen Lieder des US-Songwriters Randy Newman. Im Herbst kommt die Solo-Show in die Schweiz - und nächstes Jahr gibt's Neues von den Geschwistern Pfister.

Ein Tusch, eine Treppe, ein Lichtkegel: Der Auftritt ist im Berliner Admiralspalast ist so gross wie schlicht. Ursli Pfister hat die Frauenkleider, die falschen Klunker und das Lametta gegen einen schneeweissen Anzug eingetauscht und gibt den Dandy mit öligem Haar, feiert als aalglatter Schnulzensänger den US-Showbiz-Glamour und den amerikanischen Traum überhaupt: "I'm happy to be in the land of the brave and the free." Vorerst jedenfalls.

In die eingängigen Melodien schleichen sich rasch Misstöne, die Oden an das Land der unbegrenzten Möglichkeiten entpuppen sich als Karikatur. "Frieden ohne Ende" gebe es in Amerika, wo "jeder Mann ein König" sei, singt der nette Entertainer - um sich sogleich als "Redneck", als bornierter Südstaatler, zu brüsten: "We're keeping the niggers down." Die grosse "Lovestory" wird zur Zweckverbindung und endet bei Brettspielen im Rentnerparadies Florida "until we pass away". Böse, böse, was der Geck in den silbernen Schuhen da mit jovialem Lächeln auftischt.

Randy Newman ist kein Songwriter der zahmen Sorte. Der US-Musiker kratzt mit satirischen Texten am Mythos des Amerikanischen Traums, nimmt den latenten Rassismus, die Doppelmoral und das Spiessertum seiner Mitbürger aufs Korn. Seine Lieder legt er mit Vorliebe Trinkern, Patrioten und Irren in den Mund. Eben dieses angeschlagene Personal hat es Christoph Marti angetan: "Newmans Figuren nehmen fast immer eine Aussenseiterposition ein, in seinen Geschichten ist fast immer irgendetwas schief gelaufen. Das passt ausgezeichnet in unsere Zeit, in der alles glatt und reibungslos zu laufen hat."

Martis Teenager-Abenteuer in den USA

Die bissigen Songs verbindet Marti mit Anekdoten aus seiner Zeit als 16-jähriger Austauschschüler in den USA: Mit seinen Erlebnissen im tiefen Texas doppelt Marti die Newmanschen Befunde über den amerikanischen Geist nach: Als Einstand von der ganzen Football-Mannschaft verprügelt, steigt er zum allseits beliebten "Chris" auf, als er reihenweise "Dramatic speaking"-Preise gewinnt. Der gut integrierte Schweizer vergnügt sich dann in schummrigen Ecken mit zahlreichen American Boys, auch mit dem ach so frommen Priestersohn, der danach bigott beteuert: "Chris, I want you to know that I did not enjoy that."

Newman und Marti sind aber nicht nur Zyniker. Zwischen den Spottliedern erklingen ehrliche, zuweilen todtraurige Lieder von vergebenem Bemühen und unglücklicher Liebe: "How come nothin' that I try to do ever turns out right?" Das singt kein Ursli Pfister - hier steht ein anderer Christoph Marti auf der Bühne, als in den schrillen Geschwister-Shows. Die bezwingende Bühnenpräsenz des 43-jährigen Berners ist aber dieselbe: Marti, wie er die Zähne bleckt, die Lippen schürzt und den Kopf in den Nacken wirft ist so abgründig wie anziehend, eine schillernde Figur zwischen Verführung und Verderben. Ebenfalls vertraut ist die musikalische Unterstützung: Johannes Roloff und seine Band fungieren auch in den Geschwister-Pfister-Shows als Bühnenorchester, Pianist Roloff ist seit über 15 Jahren der kongeniale Haus-Arrangeur und musikalische Leiter der Pfisters.

Geschwister Pfister in der Suchtklinik

So schlicht der Liederabend beginnt: Der Pfistersche Kitsch und Pomp schleicht sich bald hinter Martis Rücken in die "American Dreams" ein: Aus einem Gully klettern drei "Erinnyen" und beleben die Szene als "Rachegöttinnen des Showbiz." Als neckische Zimmermädchen und sexy Achzigerjahre-Bräute bringen sie mit rasanten Tanzeinlagen und schmeichelnden Backgroundgesängen eben jenen Glamour hinterrücks wieder auf die Bühne, den Newmans Texte demontieren wollen. Die musikalische und tänzerische Perfektion, ein Markenzeichen der Geschwister Pfister-Produktionen, besticht auch hier.

Nach der Deutschlandtournee geht es im Herbst mit "American Dreams" nach Österreich und in die Schweiz - die Termine stehen noch nicht fest. Aber auch eine neue Geschwister Pfister-Show ist bereits in Vorbereitung: Ursli, Toni und Fräulein Schneider landen in der Suchtklinik. Man wolle - auch musikalisch - ein absolut positives Lebensgefühl vermitteln, sagt Marti. "Ziel der Show ist, dass sich am Ende alle Zuschauer freiwillig einliefern lassen." Man darf gespannt sein.